Mein Schweizer Jakobsweg – Weltreise im Kopf

Ich bin wieder da. Nach 11 Tagesetappen, 270 Kilometern, unzähligen Höhenmetern, und durch 7 Kantone per pedes sitze ich mit sonnenverbranntem Gesicht, lädierter großer Zehe, aber sehr entspannt und zufrieden vor meinem Rechner und versuche meine Erfahrungen in Worte zu fassen.

Die Überschrift dieses Blogs hatte ich bereits während der ersten Pilgertage festgelegt. Schon unglaublich, wie schnell der Kopf raus ist aus dem Alltagsleben, wenn man den ganzen Tag zu Fuß allein unterwegs ist. Wie viele neue Eindrücke man sammelt, wenn man jeden Tag an einem anderen Ort ankommt, und immer wieder neue Menschen und Geschichten kennenlernt. Und die waren allesamt beeindruckend.

Auf dem Schwabenweg: Von Konstanz nach Tobel

Am Karfreitag ging es los. Aufstehen kurz vor fünf, alles zusammenpacken (der Rucksack hatte 7 Kilo) und los zum Zug. Rein nach München und um 7:15 Uhr mit dem vollbesetzten (!) Flixbus nach Konstanz. Auf die Minute pünktlich um 10:50 Uhr angekommen und gleich los auf die erste Etappe. Ich war anfänglich ziemlich aufgeregt, da ich keine Ahnung hatte, ob meine Kondition ausreichend wäre und ob ich den Weg finden würde. Beim ersten großen Wegweiser bin ich dann auch gleich mal falsch abgebogen (obwohl der wirklich eindeutig war), und habe mir bestimmt eine halbe Stunde extra eingehandelt, danach hatte ich aber das Prinzip verstanden.

Zum Glück war das Wetter noch gut, und der erste Tag war auch nicht allzu anspruchsvoll, trotzdem war ich froh und ziemlich geschafft, als ich bei meiner ersten privaten Unterkunft in Tobel im Thurgau ankam. Auspacken, duschen, kurz ausruhen, Abendessen im nahegelegenen Gasthof „Bahnhof“. Das Essen war besser als der Name vermuten lässt. Man merkt aber auch gleich, dass man in der Schweiz ist. Teuer!
Nach dem Essen passierte nicht mehr viel. Zu müde macht so ein Wandertag. Immerhin war ich am ersten Tag bereits 24 km und knappe 6 Stunden unterwegs.

Das Frühstück bei den Herbergsleuten war ein Highlight. Über eine Stunde ging es viel um Politik, insbesondere der Vergleich Schweiz – Deutschland. Ich erfuhr, dass der Gastgeber dreimal im Jahr mit einem Hilfstransport nach Osteuropa unterwegs ist, und lernte etwas über die Bio-Zertifizierung „Knospe Suisse“. Es gab selbstgemachte Marmelade, eigenes Brot, und himmlischen Schweizer Käse.

Von Tobel nach Steg

Gut gestärkt, und meiner Kondition nun sicherer, ging es auf die zweite, schon etwas anspruchsvollere Etappe. Bei strahlendem Sonnenschein ging ich los. Die ersten drei Stunden waren noch relativ moderat, aber dann musste ich über das Hörnli mit einem Anstieg von ca. 500 Höhenmetern. Zudem wurde das Wetter am Karsamstag zunehmend schlechter und es fing leicht an zu regnen. Bis Steg im Kanton Zürich war ich dann insgesamt sieben Stunden unterwegs und ließ mich gerne am Bahnhof von meinen Herbergsleuten abholen, da das Quartier nicht nur außerhalb, sondern auch oben auf dem Berg lag. Abendessen war daher auch inklusive und vorwiegend aus hauseigener Produktion. Die Schweiz ist in den ländlichen Gebieten mit Bauernhöfen jeglicher Größe gespickt. Oft haben die Leute zwar einen Beruf, aber ein paar Hühner, Ziegen oder Schafe hat fast jeder.
Der Beruf war in diesem Falle Steuerberater. Daher durfte ich einen Einblick in das komplizierte Steuersystem aus Bundes-, Kantonal-, und Gemeindesteuern erhalten. Es gibt sehr viele Steuerberater in der Schweiz….

Von Steg nach Rapperswill-Jona

Regen am nächsten Morgen. Sehr langes Frühstück mit vergeblicher Hoffnung auf Wetterbesserung. Regen den ganzen Ostersonntag. Da hält auch die beste Regenjacke irgendwann nicht mehr dicht. Wie auch auf dem Münchner Jakobsweg braucht es wohl immer einen Tag, an dem ich so richtig durch und durch nass werde. Zum Glück war es nicht sehr kalt und die Strecke die kürzeste der ganzen Reise. Mitbekommen habe ich von der Gegend am heutigen Tage nicht viel. Es ging nur um ankommen. So war ich dann auch schon um halb vier am Ziel, nach „kurzen“ vier Stunden. Da hatte ich dann auch keine Lust mehr auf ausgehen und hab einfach meine restliche Wegzehrung aufgebraucht. Die sehr nette Herbergsmutter schenkte mir dann noch ein Glas Weißwein ein, und der Tag nahm ein versöhnliches Ende.

Von Rapperswill nach Einsiedeln

Kein Regen am nächsten Morgen. Es war zwar noch etwas trübe, aber trocken. So konnte ich mich nach leckerem Schweizer Käse Frühstück (davon hab ich echt jede Menge verdrückt) von der touristischen Schönheit der Stadt am Zürichsee überzeugen. Gut gelaunt ging es zu Fuß auf einem beeindruckenden Holzsteg über den See, wo gleich darauf wieder ein ordentlicher Anstieg von ca. 500 Höhenmetern auf den Etzel anstand. Oben angekommen pfiff ordentlich der Wind, immerhin war ich auf knapp 1000 m, und das Wetter wurde leider wieder schlechter. Leichter Nieselregen begleitete mich daher den restlichen Weg auf der Hochebene bis Einsiedeln im Kanton Schwyz. Hier erwartete mich ein weiteres Highlight. In dieser christlichen Klosterstadt übernachtete ich doch tatsächlich bei einem Zen-Mönch. Nach eigenen Aussagen ist er der einzige in ganz Europa, der eine 10jährige Ausbildung in Japan gemacht hat: Klosterjahre, Wanderjahre, und Jahre mit seinem Meister. Umso überraschter war ich von seiner Normalität. Marcel hatte nicht nur Frau und Kind, es gab Rotwein (Amarone!) und Fleisch zum Abendessen. Auf meine leichte Verwirrung hin bekam ich zur Antwort, dass es keinerlei Beschränkungen bzgl. der Nahrung gäbe. Es gibt nur eine Regel – man darf nichts ablehnen, was man als Bettelmönch geschenkt bekommt. Daher darf auch alles gegessen werden. Das, und viele weitere interessante Dinge durfte ich erfahren, bevor wir dann nach dem Essen zusammen meditierten. Ich durfte mit einem echten Zen-Mönch meditieren! Und ich hab jetzt den coolsten Pilgerstempel überhaupt in meinem Pilgerpass.

Von Einsiedeln nach Brunnen

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war der Blick aus dem Fenster kein Spaß – alles weiß. Über Nacht hatte es einige Zentimeter Neuschnee gegeben. Und ich musste heute über das Haggenegg auf 1400 m! Aber zumindest riss die Wolkendecke nach den ersten zwei Stunden auf, so dass mein Aufstieg zwar im Tiefschnee, aber bei Sonnenschein erfolgte. Irgendwie war das auch cool, so einsam den Weg nach oben zu spuren. Allein war ich im übrigen fast immer. So früh im Jahr sind die Pilger in der Schweiz noch nicht unterwegs (und spätestens jetzt wußte ich auch warum).
Der Abstieg war fast noch anstrengender als der Aufstieg. Ich musste ganze 1000 Höhenmeter wieder hinunter, dort erwartete mich aber im Sonnenschein ein wunderschöner Ort Schwyz, der dem Kanton seinen Namen gibt und quasi die Urschweiz darstellt. Von dort war es noch eine gute Stunde bis Brunnen am Vierwaldstätter See, wo ich diesmal in einem Hotel übernachtete.

 

Von Brunnen über Luzern nach Werthenstein

In Brunnen endet der Schwabenweg. Weiter kommt man nun in zwei Varianten. Entweder von Brunnen weiter durch die Innerschweiz und das Berner Oberland, oder von Luzern aus auf dem gleichnamigen Luzerner Weg. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Es ging also zunächst eine gute Stunde mit der Bahn bis nach Luzern. Auf der Strecke setzte wieder Schneegestöber ein und begleitete mich auch auf meinem Aufstieg aus der im Tal gelegenen Stadt. Bis Kriens ging alles gut, dort aber wurde ich durch einige Baustellen verwirrt und bin erst mal eine halbe Stunde in die falsche Richtung gelaufen. Und die musste dann ich auch wieder zurück. So wurde der Weg unfreiwillig länger und länger. Dazu Sonne, Wolken, Graupelschauer, ein Aprilwetter wie aus dem Bilderbuch. Ich verfluchte nicht nur einmal meine Dummheit, denn der Weg wollte einfach nicht enden. Schließlich kam ich aber doch irgendwann in Werthenstein an, wo am Ende noch einmal ein ordentlicher Aufstieg zum Kloster auf mich wartete, bevor ich wieder im Tal zum zweiten Mal in einem Gasthof einkehrte. Dass das dann nur 24 km gewesen sein sollten konnte ich fast nicht glauben.

 

Von Werthenstein nach Huttwil

Am nächsten Morgen sah das Wetter zunächst noch trübe aus, schnell kam aber wieder oben auf dem Berg die Sonne heraus und es versprach ein sonniger Frühlingstag zu werden. Eine sehr lange Tour stand auf dem Programm, die allerdings nur wenige Höhenmeter aufwies und daher sehr angenehm zu laufen war. Am Ziel nach 30 km in Huttwil erwartete mich dann unerwartet das Pilgerparadies. Eine 72jährige italienische Mamma begrüßte mich wortreich und drängte mich nach Erfassen meiner eiskalten Hände in die hauseigene Sauna (naja, es gab wenig Gegenwehr). Inzwischen bereitete die gute Seele allerhand Leckereien für mich. Ich musste viele selbstgemachte Speisen probieren, eine leckerer als die andere (selbstgemachtes Chilipesto, eingelegter Blumenkohl in Knoblauch-Minze-Kapern-Sud, hmmmmmm), immer begleitet von einem Schwall Italo-Schwizerdütsch, das für meine Ohren nur schwer verständlich war. Es war ein wunderbarer Abend, an dem ich mit dickem Bauch zufrieden ins Bett gefallen bin.
Die Unterkunft war im übrigen reiner Zufall. Ich hatte eigentlich eine andere Bleibe ausgesucht, nachdem dort aber voll war, hatte mich die Dame an diese Adresse verwiesen. Vielen Dank!!!

Von Huttwill nach Burgdorf

Ähnlich dem Abendessen war auch am Frühstückstisch wieder probieren angesagt. So war ich sehr gut gestärkt, mit frisch gewaschenen Klamotten, und einer Tafel Huttwiler Schokolade im Gepäck auf einer kürzeren Etappe nach Burgdorf unterwegs. Erst nach vielen Umarmungen und dem Versprechen wiederzukommen, durfte ich losziehen. Diesmal bei schönstem Frühlingswetter, das sich nun endlich durchgesetzt hatte. Ein wunderschöner Wandertag mit einigem Auf und Ab, alles in allem ein sehr abwechslungsreicher Weg. In meiner nächsten Unterkunft kam ich dann auch entsprechend früh an und konnte mich vor dem Abendessen ausgiebig ausruhen (Mittags viel wegen Überfüllung aus 🙂 )

Von Burgdorf nach Wabern bei Bern

Die nächste Etappe begann wieder bei strahlendem Sonnenschein. Burgdorf ist ein wunderschönes Städtchen mit einer schönen Altstadt, in der im übrigen der Herr Pestalozzi seine Bildungsideen ausgearbeitet hat. Die Strecke ging danach dreimal ordentlich rauf und runter, so dass ich schon einigermaßen geschafft in Gümligen, dem eigentlichen Etappenziel ankam. Da ich dort aber keine Bleibe gefunden hatte, musste ich in einem anderen Vorort von Bern, in Wabern, buchen. Leider war mir nicht klar, dass das weitere zwei Stunden Weg bedeutete. Ich lief und lief und kam gefühlt nicht näher. Irgendwann fragte ich in meiner Verzweiflung einen sympathisch wirkenden jungen Mann nach dem weiteren Weg, der sich dann im Gespräch als bekennender Bayern München Fan entpuppte und mich fast bis vor die Haustür meiner Unterkunft brachte. So war der Rest des Weges eine kurzweilige Angelegenheit. Und meine Unterkunft war sehr schön. Ich hatte ein Zimmer mit eigenem Bad in einem alten Haus an der Aare und sehr freundliche Gastgeber.

Von Wabern bis Schwarzenburg

Nachdem ich die zwei Stunden Umweg am nächsten Morgen nicht nochmal laufen wollte, entschloss ich mich zu einer kleinen Abkürzung und testete den Schweizer Busnahverkehr. Dabei sparte ich mir nicht nur ein paar Kilometer, sondern vor allem gut 200 Höhenmeter. Der Rest des Weges war zwar weiterhin durch zahlreiche Aufstiege gekennzeichnet, aber trotzdem um einiges kräftesparender als geplant. Dadurch konnte ich mir auch ein wenig mehr Zeit lassen und kam ganz entspannt in meiner letzten Unterkunft, einem süßen Gartenhäuschen mit Holzofen und Blick ins Grüne, an. Zum Abendessen musste ich zwar wieder ca. 1 km laufen, das war an dem herrlichen Sonnen-Sonntag aber kein Problem mehr.

Von Schwarzenburg nach Fribourg und ab nach Hause

Die letzte Etappe hatte ich so gewählt, dass ich zwar noch einige Kilometer zu wandern, aber noch genug Zeit hatte, mich in Fribourg ein wenig umzuschauen, bevor mich der Flixbus wieder nach München zurückbrachte. Es ging schon gegen neun Uhr morgens los, so dass ich entspannten Schrittes am frühen Nachmittag die Kantonshauptstadt erreichte. Fribourg ist zwar offiziell zweisprachig, aber eigentlich merkt man an jeder Ecke die Nähe zu Frankreich. Schwarzenburg war noch auf deutschsprachigem Gebiet, und meine Herbergsmutter meinte, dass es eine ziemlich starke Trennung gibt, da sich durch die Sprache auch die Mentalität ändert. So gehen die meisten Menschen dort zum Arbeiten oder Einkaufen auch nach Bern, obwohl Fribourg näher liegt. In Fribourg kommt man mit deutsch nicht mehr weit. Beim Versuch, meine letzten Franken in Schweizer Käse anzulegen, musste ich mein noch rudimentäres Französisch ordentlich bemühen, um Erfolg zu haben. Letztendlich kam ich aber beladen mit einigen Leckerlies für mich und meine geschätzte Catsitterin rechtzeitig an der Busstation (die musste ich allerdings etwas suchen) an, von wo der Bus dann pünktlich um 16:10 Uhr gen München abfuhr. Alles hatte perfekt geklappt, Anreise, Etappen, Übernachtungen, Abreise. Keine größeren Verletzungen, keine irgendwie gearteten Probleme, viele sehr freundliche und interessante Menschen, und eine unvergleichlich schöne Schweizer Landschaft. Und der Käse…….

Glücklich über das Erreichte fuhr ich nach Hause. Selbst die 1,5 Stunden Verspätung bis München waren da mehr als egal. Mein Auto wartete ja brav am Bahnhof und brachte mich spät abends wieder zurück zu meinen Katzen, die mich schon sehnsüchtig erwarteten. 270 km in den Beinen, eine Weltreise im Kopf.


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