Roadtrip to Barmstedt, Reise zu mir

Mein erstes Mal – im Camper. Genau genommen in einem 25 Jahre alten Fiat Ducato, mit Aufbau von Dethleffs. Zwangsentschleunigung, selbstverordnet. Auch wenn – wie man sieht – die elektronischen Gadgets mit an Bord sind. Ganz ohne Verbindung zur Außenwelt würde ich wohl am Rad drehen, das wäre zu viel Abstand auf einmal.

Es ist schon ein Erlebnis, mit 40 km/h auf der Autobahn eine Steigung zu nehmen und dabei von allen noch so schweren und langsamen Lastwagen überholt zu werden. Keiner war langsamer als wir – wirklich keiner. Der Weg ist das Ziel.

Start Montag Nachmittag in München, Ingolstadt, Nürnberg, Schweinfurt. In der Rhön ist Schluss, mehr geht bei maximal 80 – 100 km/h Spitzengeschwindigkeit nicht. Und in der Rhön gibt es eine Menge Steigungen.

Meine erste Nacht in einem Campingwagen möchte ich nicht allein, abseits aller Wege verbringen. Daher übernachten wir auf einem Autobahnrastplatz. Es ist spät, aber zwischen den Lastwagen ist noch eine Lücke für uns frei. Lärm der LKW-Kühlungen um uns rum und die ganze Nacht fahren Lastwagen raus und rein; kaum Schlaf, gerädert am nächsten Morgen.

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Am zweiten Tag muss ich als Fahrer ran, am ersten Tag durfte ich einfach nur sein, ankommen, loslassen. Nun bin ich selbst gezwungen zur Langsamkeit. Die Uhr habe ich schon beim Einsteigen abgelegt. Was soll ich hier auch damit?

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Würzburg, Fulda, Kassel, Regen in Niedersachsen, aber nur kurz. Sonniges Hannover, Lüneburger Heide, endlich Hamburg. Ich fahre das erste Mal durch den Elbtunnel. 30 Kilometer später sind wir da, in Barmstedt.

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Barmstedt? Ja. Es geht nicht um das wo, sondern das wie.

Nach über einem Jahr das erste Mal wieder längere Zeit auf engstem Raum mit anderen Menschen, fremden Menschen. Meine eigene und die Nähe anderer zulassen, ohne sich ständig zwanghaft abzulenken, um das Alleinsein nicht spüren zu müssen.

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Nach den ersten 24 Stunden würde ich am liebsten davon laufen. Unerträglich die ständige Anwesenheit der anderen Camper und insbesondere meines Kompagnons.

Unrast. Was kann ich tun? Zuhause hätte ich eine ToDo Liste, hier ist das lächerlich. Was habt Ihr für heute geplant? Nichts.

Ich spüle ab, räume auf, alles überflüssiges Getue. Ich will funktionieren und brauche es nicht. Ich werde auf mich selbst zurückgeworfen und hasse dieses Gefühl. Mein Magen schmerzt und ist ein dicker Kloß, mein Nacken gespannt wie Drahtseile, immer wieder Tränen der Ohnmacht. Drang wegzulaufen. Ich drehe am Rad. Merke das erste Mal, was ich die letzten Monate weggedrückt habe. Was ich mit Aktionismus im Job, und vor allem auch privat, zugedeckt habe. Wohinter ich mich vor mir selbst versteckt habe.

Eine Therapiewoche zurück ins normale Leben? Ich weiß weder ob ich das kann, noch ob die Woche ausreichen wird. Einen Versuch ist es wert.

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