Königin und wilde Frau

Ich möchte heute einmal eine Buchrezension schreiben. Ich lese ja sehr viel, und die meisten Bücher finde ich auch gut (selten, dass ich mal eins vor dem Ende weglege), aber dass mich ein Buch wirklich nachhaltig beschäftigt, kommt eher selten vor. Bei diesem Buch war das der Fall. Ein lieber Freund hat mich hier sehr gut eingeschätzt, als er mir dies knapp 200 Seiten starke Büchlein in die Hand drückte (danke Rudi!).

„Königin und wilde Frau – Lebe, was Du bist“ von Anselm Grün und Linda Jarosch. Worum geht es? Es werden 14 unterschiedliche Rollen der Frau anhand biblischer Frauenbilder vorgestellt, in den aktuellen Kontext gestellt, und die Leserin ermutigt, diese Rollen in ihrem Leben zuzulassen, zu leben, und auch zu schätzen. Es handelt sich also um ein Buch für Frauen, es zu lesen würde aber dem ein oder anderen Mann sicherlich auch nicht schaden 🙂

Ich habe mich mit jeder einzelnen Rolle eingehend beschäftigt und kann als Fazit für mich nur eins sagen: Wir Frauen sind toll, mitnichten das schwache Geschlecht, stellen unser Licht aber leider immer noch viel zu oft unter den Scheffel. Im Folgenden gebe ich daher einen Kurzüberblick über die ersten sechs Rollen und wie ich das für mich interpretiere. Im übrigen auch eine sehr gute Übung in Sachen Selbstliebe!

Deborah – die Richterin: Wir Frauen wissen oftmals intuitiv, was recht ist und was nicht. Gerade Frauen in Führungspositionen nutzen dieses Potenzial und führen anders als Männer – uns sind gute Beziehungen und eine gesunde Unternehmenskultur wichtiger als der eigene Erfolg. Ich kann das für mich als Teamleiterin nur bestätigen. Ich führe in der Hauptsache mit Bauch und Herz, baue auf gegenseitiges Vertrauen und Eigenverantwortung und bin bisher seltenst enttäuscht worden. Ich bin daher oft überrascht, dass Themen unter meinen vorwiegend männlichen Teamleiterkollegen diskutiert werden, die ich meist meinen Mitarbeitern selbst überlasse. Gleiches gilt im übrigen auch im Familienverbund. Auch hier sind die Frauen meist die Gestalter, beim Heim genauso wie in der Erziehung. Generell haben wir Frauen die Fähigkeit, bei anderen das Wesentliche zu sehen und zum Vorschein zu bringen, und auch den Wunsch, andere zu unterstützen.

Ester – die Königin: Das ist ein Rollenbild, dass sich viele Frauen nicht trauen auszuleben. Auch ich habe erst kurz gestutzt, und bin jetzt umso begeisterter. Hier geht es um Selbständigkeit, Würde und Freiheit; mit sich im Einklang sein und daraus Kraft ziehen und Gelassenheit erreichen. Königinnen sind unangreifbar in ihrer Würde, übernehmen Verantwortung für ihr Leben, und zeigen anderen Grenzen auf. Ebenso lassen wir aber auch anderen ihre Würde und versuchen sie nicht zu ändern. Königinnen haben keine Angst vor Abgrenzung oder davor, nicht geliebt zu werden. Für mich ist das ein essentielles Rollenbild, bin ich doch mein bisheriges Leben damit beschäftigt gewesen, es den anderen Recht zu machen und mich selbst dabei zu vergessen. Heute weiß ich, dass ein gesundes Maß an Selbstliebe Voraussetzung dafür ist, andere Menschen zu lieben. Dazu gehört aber auch, sich zu schützen und von Menschen zu distanzieren, die einem nicht gut tun. Ich sehe mich jetzt als Königin meines Lebens und weiß damit, dass ich es selbst in der Hand habe glücklich zu sein.

Eva – die Mutter: Dass mein Name mit der Mutterrolle in Verbindung gebracht wird, hat mich sehr berührt. Aber was bedeutet denn diese mütterliche Seite? Mit dem tatsächlichen Mutter sein hat das nämlich nicht unbedingt etwas zu tun. Denn mütterlich können wir Frauen auf vielfache Art sein. Auch zu Freunden oder gar im Beruf kann diese Seite durchaus gewünscht und hilfreich sein. Ich würde die Rolle vielleicht auch eher als empathischen Kümmerer verstehen. Man kann sich auf mich verlassen, im Privaten wie im Beruflichen. Wenn jemand Hilfe braucht, bin ich da. Ohne Erwartungshaltung. Interessant finde ich auch den Aspekt, dass die Eigenschaften dieser Rolle mit Begabung und Kreativität in Verbindung gebracht werden. Ich kann mich jedenfalls sehr mit diesen Aspekten identifizieren und finde es schön, mütterlich sein zu können.

Hagar – die Verlassene: Dies ist ein Rollenbild, das mich seit längerem sehr beschäftigt. Ich habe insbesondere aus der Beschreibung dieser Rolle sehr viel positive Energie für mein Leben ziehen können. Das Verlassen werden, und nicht daran zerbrechen, zeigt die unbändige Kraft und Zähigkeit, die wir Frauen besitzen. Denn wir haben unsere eigenen Ressourcen, aus denen wir Kraft schöpfen können. In dem wir uns selbst nicht verlassen, sondern bei uns und unseren Gefühlen bleiben, können wir die entstehende Wut und Aggression in Ehrgeiz umwandeln. Denn niemand kann uns unsere Würde nehmen. Nachdem wir unsere Trauer überwunden haben, können wir unser Leben wieder selbst in die Hand nehmen und einen Neuanfang wagen.

Hanna – die weise Frau: Gerade ältere Frauen verfügen über viel Lebensweisheit. Sie wissen, wann die richtige Zeit ist, und sind in Einklang mit sich und ihrem Umfeld. Sie sind dankbar für das Leben, sich selbst gegenüber wertschätzend und achten den eigenen Körper. Dies ist für mich ein recht schwieriges Rollenbild, da ich weiß dass ich momentan noch weit entfernt davon bin. Aber allein die Einsicht ist wohl schon viel Wert und ich arbeite täglich daran, diese Rolle für mich zu finden.

Judit – die Kämpferin: Hier geht es nicht um die Emanze, die für ihr Recht kämpft, sondern die Frau, die sich selbst schützt, abgrenzt, und ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Sie lässt sich nichts aufzwingen und gibt nicht klein bei, nur um die Harmonie nicht zu stören. Voraussetzung dafür sind eigene Prinzipien und auch das Wissen um die eigenen Schwächen. Für mich überschneidet sich diese Rolle etwas mit der Königin, wobei die Kämpferin für mich zum Ziel hat, einmal eine Königin zu werden. Daher identifiziere ich mich momentan wohl eher noch mit dieser Rolle.

Als weitere Rollenbilder werden beschrieben: Lydia – die priesterliche Frau, Maria – die Wandlerin, Maria Magdalena – die leidenschaftlich Liebende, Marta und Maria – die Gastgeberin und die Künstlerin, Mirjam – die Prophetin, Rut – die Fremde, Sara – die Lachende, und Tamar – die wilde Frau.

Jede dieser Rollen beschreibt für mich einen wichtigen Aspekt meines Lebens und dieses Buch hat mir vor Augen geführt, wie oft wir doch vergessen, was uns ausmacht und was unsere individuellen Stärken sind. Statt dessen funktionieren wir meist wie Roboter im Gleichschritt und verleugnen uns. Das ist schade und macht das Leben doch eigentlich recht langweilig und vorbestimmt. Ich nehme mir jedenfalls vor, meine Individualität stärker auszuleben und bin mir sicher, damit ein weitaus erfüllteres Leben zu haben.

Es gibt im übrigen auch eine Variante für Männer: „Kämpfen und lieben: Wie Männer zu sich selbst finden.“


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